Sleeping With Rock´n´Roll
Es geht um „Sleeping With Ghosts“, dem vierten Longplayer des amerikanisch-britisch-schwedischen Trios Placebo. Wesentlich gelassener wirkt die Band um Mastermind Brian Molko, schließlich gelang Placebo mit diesem Album ein ambitioniert guter Wurf.
Mit neuem Sound, veränderter Produktion und ungewöhnlichem Elan spiegelt „Sleeping With Ghosts“ die Schatten der Vergangenheit in Molkos Seele wieder.
Alleine wegen des ausgefeilten Klangbildes und der beeindruckenden Stimmung gehört diese Placebo-Platte bereits Mitte 2003 zu den herausragenden Alben des Jahres. „Ich habe auf diesem Album mein Leben dargelegt. Natürlich gehe ich nicht ins Detail, aber ich sage Euch, dass ich mir einiges von der Seele geschrieben habe. Ich habe die Songs förmlich ausgekotzt. Hier geht’s nicht um intellektuelle Betrachtung, sondern um pure Emotion. Dieses Album ist meine Form der Therapie.“
Unmittelbar im Anschluss an die letzte, 18-monatige Tour, begannen Brian Molko, Drummer Steve Hewitt und Bassist Stefan Olsdal, an neuen Nummern zu arbeite, damals ohne konkrete Vorstellung, bis auf den Vorsatz, das Album nicht in Eigenregie zu basteln, wie zuletzt „Black Market Music“. Molko zum Thema: „Wir wollten diesmal mit einem Produzenten arbeiten, der uns in den Hintern tritt, der uns fordert und uns die Ohren für neue Ansätze öffnet. Die Songs auf dem letzten Album klangen wie Demoaufnahmen.“
Mit Jim Abbiss, der bereits Material von Björk, Massive Attack und den Sneaker Pimps veredelte, wählte die Band einen kreativen Partner, der eine künstlerische Herausforderung, aber auch beachtliches Risiko barg. Dominanz, Eigensinn, Ehrgeiz und eine niedrige Toleranzschwelle sind Attribute, die man Molko und Abbiss in der Vergangenheit gerne und häufig attestierte. „Ich glaube, dass gute Musik immer aus Spannung entstanden ist“, so Molko. Abbiss hat dem Gitarrensongs eine gehörige Portion elektronischen Zuckerguss verpasst, was dem Klang zu einer effektvollen Atmosphäre verhalf. Der Tenor von „Sleeping With Ghosts“ ist so richtig düster. „As you´re walking away / reminds me that it´s killing time / on this fateful day / see you at the bitter end“, klagt Molko in der traumatisch taumelnden ersten Singleauskopplung „The Bitter End“. Die Steigerung zum unheilschwangerem Crescendo vermag textlich die destruktive Seite einer Beziehung ausdrücken, schließlich rechnet Molko mit den Themen Liebe und Sex, Trauer und Trennung, autobiographisch aufgearbeitet, aus früheren Beziehungen ab. Molko: „Wir befinden uns in der Phase der Wut, der `Fuck You!´-Periode, wenn die Wunden gerade frisch sind.“
Placebo pinseln dem grauen Genre, das stereotyp härter und cooler rocken möchte, ein bißchen Rouge auf das in die Jahre gekommene Gesicht. Auch wenn die Farben von „Sleeping With Ghosts“ dunkel gehalten sind, macht vielleicht genau das den Reiz an dieser Band aus.